Zu Bundeswehrjugendoffizieren an unserer Schule.

23. Februar 2010 at 11:33 (Antimilitarismus)

Werte Schulleitung, werte Schülervertretung, wie ich heute erfahren habe, wird in der Aula bald wieder ein Jugendoffizier der Bundeswehr zur Afghanistanproblematik referieren. Ich empfinde es an dieser Stelle notwendig meinen Unmut über die Durchführung einer solchen Veranstaltung zu erläutern.

Die Erfahrungen der letzten beiden Vorträge haben gezeigt, dass diese von Seiten des Referierenden weniger dazu gedacht sind die Schüler objektiv über internationale Politik und deren Krisen zu informieren, als das Vorgehen der Bundeswehr im Ausland zu rechtfertigen und zu glorifizieren. Auch die aufkommenden Diskussionen, welche durch kritische Stimmen anklangen, wurden durch scheinheilige Argumente schnell zum Erliegen gebracht.

Ein weiteres Argument gegen diese Veranstaltungen ist der Fakt, dass die Parteienwerbung an Schulen per Schulgesetz untersagt ist. Die Bundeswehr ist mitnichten eine unpolitische Institution, denn sie unterliegt per se immer der Meinung der aktuell regierungsbildenden Parteien. Dies erschließt sich bereits aus der Informationsbroschüre „Jugendoffizier“ des Bundesministeriums der Verteidigung. In dieser wird Folgendes definiert: „Aufgabe der Jugendoffiziere ist es, einen Beitrag zur Erhaltung und Festigung des Grundkonsens über die Sicherheits- und Verteidigungspolitik Deutschlands zu leisten“. Die Zielstellung der Jugendoffiziere ist es also nicht über den Afghanistaneinsatz zu informieren und die Kritik- und Urteilsfähigkeit der Schüler zu stärken, sondern klarzustellen wie richtig, notwendig und unterstützenswert sie doch sei. Die Bereitstellung der Schulaula für eine solche Veranstaltung ist somit in jedem Fall fragwürdig. Um einer Einseitigkeit der Informationsvermittlung entgegen zu wirken, könnte man zusätzlich zum Jugendoffizier der Bundeswehr einen Vertreter der Oppositionsparteien einladen und somit eine objektive und gewinnbringende Diskussion gewährleisten. Ich bin mir darüber im Klaren, dass dies per Schulgesetz verboten ist, weshalb sich mir jedoch die Frage stellt, woraus sich die Legitimation für eine Veranstaltung der Bundeswehr ableitet.

Meiner Meinung nach sollte die Schulleitung die Entscheidung für eine solche Veranstaltung nicht über die Köpfe der Schülervertretung hinweg treffen, denn es sind die Schüler welche an diesem Gymnasium eine humanistische Bildung erhalten und somit Alternativen für Konfliktlösungen abseits einer militärischen Offensive aufgezeigt bekommen sollen. Diese Art von Veranstaltung zeigt aber den militärischen Einsatz als einzige Möglichkeit auf, und besteht im Inhalt nur darin diesen zu rechtfertigen.

Bei der Veranstaltung zum gleichen Thema vor zwei Jahren musste der Anwesende Offizier (unfreiwillig) zugeben, dass der Einsatz in Afghanistan unweigerlich zu der Errichtung einer neuen Diktatur in Afghanistan führe, verteidigte den militärischen Einsatz aber dennoch. Wieso soll also der bloßen Rechtfertigung des Einsatzes an unserer Schule eine Plattform geboten werden, wenn der inhumane Charakter nach Außen offen erkennbar ist?

Reicht es denn nicht, dass durch ausliegende Zeitschriften immer wieder Werbung für die Bundeswehr gemacht wird und sogar im neuen Schaukasten Werbung für eben jene Institution offen in der Schule aushängt? Ich bin mir sicher, dass es genügend andere Sponsoren gäbe welche die Schule unterstützen und somit zumindest eine Alternative zum fragwürdigen Partner „Bundeswehr“ bieten würden.

Von der Öffentlichkeit wenig beachtet ist zudem der Korpsgeist welcher in der Bundeswehr immer noch sehr stark ausgeprägt ist und zu Unterdrückung der Einzelmeinung führt, wenn man eine Karriere in der Bundeswehr beginnt. Brutale und menschenunwürdige „Aufnahmerituale“ blieben jahrelang unentdeckt und sind auch jetzt noch an der Tagesordnung, ohne dass die Justiz entsprechend handelt. Umso sensibler sollte mit der Werbung für eine Karriere in der Bundeswehr, die doch nach Außen bis heute ein Saubermannimage wahren will, und kritische Reflexion der Missstände vermeidet, umgegangen werden. Durch gute Aufstiegschancen und attraktive Ausbildungsangebote werden vor allem Menschen angesprochen welche in der alltäglichen Arbeitswelt weniger Chancen haben würden oder aus sozial benachteiligten Familien stammen. Diese gezielte Köderung auch mit kostenlosen Studienplätzen führt zu einer langjährigen Verpflichtung, Unterordnung und Abhängigkeit. Kritik am Vorgehen der Bundeswehr wird im Dienst nicht selten mit Disziplinarstrafen geahndet. Einmal verpflichtet, hat Mensch keine Chance mehr zu „entkommen“. Wer sich dies vor Augen führt und das Auftreten de Jugendoffiziers in unserer Aula und Bundeswehrwerbung in der Schule toleriert, toleriert auch die eben beschriebenen Missstände.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich hoffe, dass Sie meine Bedenken nachvollziehen können. Nicht jeder Schüler interessiert sich für die Geschehnisse in der Politik, weshalb es ihnen möglicherweise an nötigem Hintergrundwissen mangelt. Meine Angst besteht deshalb darin, dass die Meinungsbildung einiger Schüler in diesem Bereich somit durch die gezielte Dialektik eines Bundeswehroffiziers leicht ins Wanken gebracht werden kann. So werden die Jugendoffiziere an der Bundeswehrakademie für Information und Kommunikation, welche in direkter Tradition des Amtes für Psychologische Kriegsführung steht, ausgebildet. Hier lernen sie wie rhetorische Mittel angewendet werden können um militärische Einsätze überzeugend als „ Friedensdienst“ zu propagieren. Ich bitte Sie nur darüber nachzudenken, ob Sie Ihre Schüler, die vielleicht nicht alle in der Lage sind zu erkennen, was wirklich dahinter steckt, diesem Versuch der Einflussnahme aussetzen wollen.

Ich verbleibe mit den Worten Kurt Tucholskys:

„Soldaten sind Mörder“

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